Facebook & Bundesliga

Auch die Mannschaften der Fußball Bundesliga nutzen zunehmend soziale Netzwerke. Zum 8. Spieltag der laufenden Saison an diesem Wochenende hat theinformationsociety.org mal einen Blick auf die Tabelle geworfen – bei Facebook.

Spätestens seit der Saison 2011/2012 sind alle Erstliga-Vereine der Fußball-Bundesliga mit offiziellen Präsenzen auf Facebook vertreten. Tabellenführer ist – wie auch auf dem Platz – der 1. FC Bayern München, gefolgt von Borussia Dortmund und Schalke 04. Für die Platzierung wurde ausschließlich die Zahl der Fans der jeweiligen offiziellen Facebook-Seiten betrachtet. Diese schwanken zwischen mehr als 2 Millionen Fans bei Bayern München und gerade einmal gut 36.000 bei Hoffenheim.

 

Facebook-„Tabellenplatz“

(28.09.2011)

Bundesliga Tabellenplatz

(7. Spieltag)

Zahl der Fans

(28.09.2011)

Verein

1

1

2.179.593

FC Bayern München

2

8

600.357

Borussia
Dortmund

3

5

333.940

FC Schalke 04

4

2

296.541

SV Werder Bremen

5

18

256.418

Hamburger SV

6

10

243.263

1. FC Köln

7

7

208.292

VfB Stuttgart

8

6

114.001

Hannover 96

9

9

113.701

1. FC Nürnberg

10

12

96.518

Hertha BSC

11

15

75.613

1. FC
Kaiserslautern

12

3

74.309

Borussia
Mönchengladbach

13

11

67.961

Bayer 04
Leverkusen

14

13

48.719

VfL
Wolfsburg

15

17

41.949

SC Freiburg

16

16

41.583

FC Augsburg

17

14

40.858

1. FSV Mainz 05

18

4

36.159

1899 Hoffenheim

 

Während bei ähnlichen Untersuchungen in der Vergangenheit manche Teams noch lediglich Facebook-Seiten aufweisen konnten, die offenbar von Fans erstellt wurden, ist heute jede Mannschaft mit einer offiziellen Fanpage bei Facebook vertreten. Doch Aufmachung und Funktionsumfang der Seiten unterscheidet sich deutlich. Zunächst  einmal haben alle Vereine eine Vanity-URL und einen Landing Tab – doch nicht  bei allen funktioniert dieser beim sicheren Browsen über HTTPS.

Einige Seiten nutzen die Facebook Places Funktion – wenn auch mit bescheidenem Erfolg. Selbst die Seite der Münchener kann lediglich 17 Check-ins verzeichnen, der VfB Stuttgart kommt immerhin auf 156 Besuche. Anders sieht dies freilich bei den Stadien selbst aus: Die Imtech Arena verzeichnet -trotz oder wegen des Saisonstarts des HSV- 10.700 Besuche, gegenüber 7.400 Check-ins am Millerntor. Die Rhein-Neckar-Arena des TSG 1899 Hoffenheim hatten bald 5.000 und die Allianz Arena knapp 37.000 Besuche bei Facebook. In welcher Beziehung diese Stadien-Seiten zu den offiziellen Auftritten der Heimmannschaften stehen, ist nicht immer klar ersichtlich.

Darüber hinaus bieten die Vereine verschiedene Services und Apps an, von der Möglichkeit Freunde einzuladen wie beispielsweise die Stuttgarter, bis hin zu einer eigenen Allianz Arena-App bei den Bayern. Links zu Online-Tickets, Mannschaftsaufstellung, Fan-Shops und personalisierten Trikots oder dem Quiz zur Mannschaft komplettieren das Angebot.

FCB bei FacebookBeeindruckend ist in jedem Fall die Steigerung der Zahl der Fans gegenüber dem Ende der Bundesliga-Saison 2009/2010. Der Musik-Blog quu.fm hatte damals eine ähnliche Untersuchung durchgeführt. Bereits seinerzeit hieß der Spitzenreiter Bayern München – und St. Pauli wäre auf dem 3. Platz gelandet, hätten sie zu dieser Zeit schon und noch erstklassig gespielt. Bei der Reihung hingegen gibt es kaum Unterschiede zu heute, wenn man von Dortmund und Schalke absieht, die sich um 5 bzw. 4 Plätze verbessern konnten. Hoffenheim und Stuttgart sind hingegen um -4 bzw. -5 Punkte gefallen.

Eine bemerkenswerte Steigerung der Zahl der Faceboo-Fans können hingegen alle Vereine verzeichnen. Diese liegt bei zwischen knapp 2000 Prozent und immer noch stolzen guten 300 Prozent im Vergleich zu Anfang 2010. In absoluten Zahlen sind dies ein Plus von guten 2 Millionen Fans bei Spitzenreiter Bayern, gefolgt von Dortmund mit 570.000. Das Schlusslicht bildet auch hier Hoffenheim mit knappen 28.000 Fans. Selbst die Vereine, die Tabellenplätze bei Facebook verloren haben, konnten also Fans hinzugewinnen, wobei die Zahlen weit auseinander gehen.

 

Facebook-„Tabellenplatz“

(28.09.2011)

Verein

Fans nach der Saison 2009/2010

Anstieg seit 2009/2010

(in %)

Facebook-Platzierung nach der
Saison 2009/2010

Veränderung des Facebook
„Tabellenplatzes“

seit der Saison 2009/2010

1

FC Bayern München

117.343

1.757

1

0

2

Borussia
Dortmund

28.619

1.998

6

+4

3

FC Schalke 04

19.807

1.586

8

+5

4

SV Werder Bremen

34.013

772

4

0

5

Hamburger SV

55.862

359

2

-3

6

1. FC Köln

28.570

751

7

+1

7

VfB Stuttgart

40.572

413

3

-4

8

Hannover 96

11.497

892

9

+1

9

1. FC Nürnberg

10.500

983

10

+1

10

Hertha BSC

9.734

892

11

+1

11

1. FC
Kaiserslautern

12

Borussia
Mönchengladbach

9.025

723

12

0

13

Bayer 04
Leverkusen

6.238

989

15

+1

14

VfL
Wolfsburg

7.097

586

14

0

15

SC Freiburg

4.982

742

16

+1

16

FC Augsburg

17

1. FSV Mainz 05

4.738

762

17

0

18

1899 Hoffenheim

8.840

309

13

-5

Der Erfolg der Facebook-Seiten scheint eng mit dem Erfolg der Vereine und der Treue der „echten“ Fans verknüpft zu sein. Hoffenheim als relativ junge Mannschaft mit neuem Stadion hat es hier sichtlich schwer, wohingegen Bayern München offenbar besonders durch internationale Auftritte punkten kann, wie sich unter anderem in englischsprachigen Posts zeigt. Inwiefern allerdings die technische Gestaltung der Facebook-Seite für die Fußball-Fans sowohl im Stadion als auch im Internet ausschlaggebend ist, ist fraglich. Seine Mannschaft sucht man sich ja nicht so einfach aus…

Der FC St. Pauli läge heute übrigens mit knappen 240.000 Fans auf Platz 7 der Facebook-Tabelle zwischen Köln und Stuttgart.

 

Google+ – Circle Me!

Google+– oder g+ – das neue soziale Netzwerk aus Mountain View, ist erst seit gestern online – und der Andrang ist offenbar gewaltig. Bis jetzt befindet sich Plus noch in der Beta-Phase und man braucht eine Einladung, um Mitglied werden zu können. Doch auch diese Funktion wurde heute Nachmittag von Google kurzerhand abgeschaltet.

Jenna Wortham, Journalistin der New York Times, vergleicht Google+ mit einer Party, auf der man bereits eintrifft, bevor der DJ überhaupt sein Equipment aufgebaut hat und man sich fragt: „Where are my frenz?!“

Auf dem eigenen Unternehmens-Profil von Google Plus erfolgte der Hinweis, dass die Möglichkeit, Freunde zu Google Plus einzuladen, vorerst wieder deaktiviert wurde. Wörtlich heißt es dort:

“We’ve shut down invite mechanism for the night. Insane demand. We need to do this carefully, and in a controlled way. Thank you all for your interest!“

 

Doch was ist g+? Wie Randall Munroe alias XKCD richtig feststellt, ist Google+ gerade nicht Facebook. Aber eben doch wie Facebook. Facebook nur nicht von Facebook – ist es das, was alle immer schon wollten?

Vorweg sei gesagt, dass Google Plus weit über den im März eingeführten Google +1 Button hinaus geht. Ein Kernelement von Google Plus ist die Einordnung von Freunden in verschiedene Kreise oder Circles. Auf diese Weise kann man seine Kontakte bequem in Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen einteilen und bei jedem Post festlegen, für welche Circles dieser sichtbar sein soll.

Zwar ist dies im Prinzip auch bei Facebook möglich, jedoch nicht so intuitiv wie bei g+, wo man einfach per Drag & Drop seine Kontakte in die verschiedenen Kreise ziehen kann. Kreise können auch nur aus einer Person bestehen und es ist für andere Nutzer nicht sichtbar, in welche Kreise man sie eingeordnet hat.

Ein voreingestellter Circle ist eingerichtet für Profile, denen man nur folgen möchte, ohne dass umgekehrt eigene Meldungen sichtbar werden. Diese Funktion bietet sich sicherlich für Unternehmensseiten an. Ob und wie Google Plus jedoch Unternehmens-Profile ermöglicht, ist noch nicht ersichtlich, die Plattform selbst hat jedoch bereits ein Unternehmens-Profil.

Eine weitere Funktion ist das Google Hangout, die Möglichkeit, in einem Videochat mit Freunden abzuhängen. Ein Hangout kann für alle Mitglieder bestimmter Circle oder auch für Einzelpersonen eröffnet werden und wird dann im Profil angezeigt.

 

 

Mit der Funktion +Sparks können eigene Interessen hinzugefügt werden, zu denen man dann fortlaufend Nachrichten erhält. Hier ist sicherlich noch eine Menge Potential für eine Entwicklung in Richtung Curation.

Google Plus bietet auch die Möglichkeit, andere Profile, unter anderem bei Facebook oder Twitter, mit dem g+-Account zu verknüpfen. Wie genau diese Verknüpfung aussieht beziehungsweise, ob diese einen Effekt über Googles Social Search hinaus hat, hat sich jedoch bei einem ersten Blick nicht erschlossen.

Auch eine App für Android steht im Market seit zwei Tagen zur Verfügung. Aktiviert man hier die Funktion Instant Upload, werden alle Fotos, die man unterwegs macht, automatisch in einen geschützten Bereich bei Google Plus hochgeladen, von wo aus man entscheiden kann, welche Bilder man in welchen Kreisen teilen möchte. Die Kollegen von t3n sehen hierin einen „krassen Gegensatz“ zum Ansatz von Facebook, der davon ausgehe, das alles, was hochgeladen wird, auch von allen zu sehen sein sollte.

Mit Huddle (Video) bietet Google+ innerhalb der App eine Art Chatfunktion, durch die man mobil mit allen seinen Kreisen gleichzeitig kommunizieren kann.

Facebook + Twitter = Google?Die komplette g+ Playlist mit elf Videos zu den Diensten wie Sparks, Huddle und Circles findet sich hier. Auch auf Engadget gibt es einen ausführlichen Bericht mit weiteren Screenshots zum neuen Google-Streich. Und wer gleich komplett von Facebook zu g+ umziehen möchte, findet hier einen Workaround, wie man seine Facebook-Freunde in die neuen Kreise mitnimmt.

Es bleibt also abzuwarten, ob man sich zukünftig nicht mehr nur bei Facebook befriended, sondern bei Google circled. Frohes Einkreisen!

 

 Google+– oder g+ – das neue soziale Netzwerk aus Mountain View, ist erst seit gestern online – und der Andrang ist offenbar gewaltig. Bis jetzt befindet sich Plus noch in der Beta-Phase und man braucht eine Einladung, um Mitglied werden zu können. Doch auch diese Funktion wurde heute Nachmittag von Google kurzerhand abgeschaltet.

Jenna Wortham, Journalistin der New York Times, vergleicht Google+ mit einer Party, auf der man bereits eintrifft, bevor der DJ überhaupt sein Equipment aufgebaut hat und man sich fragt: „Where are my frenz?!“

Auf dem eigenen Unternehmens-Profil von Google Plus erfolgte der Hinweis, dass die Möglichkeit, Freunde zu Google Plus einzuladen, vorerst wieder deaktiviert wurde. Wörtlich heißt es dort:

“We’ve shut down invite mechanism for the night. Insane demand. We need to do this carefully, and in a controlled way. Thank you all for your interest!“

 

Doch was ist g+? Wie Randall Munroe alias XKCD richtig feststellt, ist Google+ gerade nicht Facebook. Aber eben doch wie Facebook. Facebook nur nicht von Facebook – ist es das, was alle immer schon wollten?

Vorweg sei gesagt, dass Google Plus weit über den im März eingeführten Google +1 Button hinaus geht. Ein Kernelement von Google Plus ist die Einordnung von Freunden in verschiedene Kreise oder Circles. Auf diese Weise kann man seine Kontakte bequem in Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen einteilen und bei jedem Post festlegen, für welche Circles dieser sichtbar sein soll.

Zwar ist dies im Prinzip auch bei Facebook möglich, jedoch nicht so intuitiv wie bei g+, wo man einfach per Drag & Drop seine Kontakte in die verschiedenen Kreise ziehen kann. Kreise können auch nur aus einer Person bestehen und es ist für andere Nutzer nicht sichtbar, in welche Kreise man sie eingeordnet hat.

Ein voreingestellter Circle ist eingerichtet für Profile, denen man nur folgen möchte, ohne dass umgekehrt eigene Meldungen sichtbar werden. Diese Funktion bietet sich sicherlich für Unternehmensseiten an. Ob und wie Google Plus jedoch Unternehmens-Profile ermöglicht, ist noch nicht ersichtlich, die Plattform selbst hat jedoch bereits ein Unternehmens-Profil.

Eine weitere Funktion ist das Google Hangout, die Möglichkeit, in einem Videochat mit Freunden abzuhängen. Ein Hangout kann für alle Mitglieder bestimmter Circle oder auch für Einzelpersonen eröffnet werden und wird dann im Profil angezeigt.

 

 

Mit der Funktion +Sparks können eigene Interessen hinzugefügt werden, zu denen man dann fortlaufend Nachrichten erhält. Hier ist sicherlich noch eine Menge Potential für eine Entwicklung in Richtung Curation.

Google Plus bietet auch die Möglichkeit, andere Profile, unter anderem bei Facebook oder Twitter, mit dem g+-Account zu verknüpfen. Wie genau diese Verknüpfung aussieht beziehungsweise, ob diese einen Effekt über Googles Social Search hinaus hat, hat sich jedoch bei einem ersten Blick nicht erschlossen.

Auch eine App für Android steht im Market seit zwei Tagen zur Verfügung. Aktiviert man hier die Funktion Instant Upload, werden alle Fotos, die man unterwegs macht, automatisch in einen geschützten Bereich bei Google Plus hochgeladen, von wo aus man entscheiden kann, welche Bilder man in welchen Kreisen teilen möchte. Die Kollegen von t3n sehen hierin einen „krassen Gegensatz“ zum Ansatz von Facebook, der davon ausgehe, das alles, was hochgeladen wird, auch von allen zu sehen sein sollte.

Mit Huddle (Video) bietet Google+ innerhalb der App eine Art Chatfunktion, durch die man mobil mit allen seinen Kreisen gleichzeitig kommunizieren kann.

Facebook + Twitter = Google?Die komplette g+ Playlist mit elf Videos zu den Diensten wie Sparks, Huddle und Circles findet sich hier. Auch auf Engadget gibt es einen ausführlichen Bericht mit weiteren Screenshots zum neuen Google-Streich. Und wer gleich komplett von Facebook zu g+ umziehen möchte, findet hier einen Workaround, wie man seine Facebook-Freunde in die neuen Kreise mitnimmt.

Es bleibt also abzuwarten, ob man sich zukünftig nicht mehr nur bei Facebook befriended, sondern bei Google circled. Frohes Einkreisen!

 

 

Partizipation 2.0

Partizipation 2.0 (c) iStockphoto

Partizipation 2.0 (c) iStockphoto

Unsere Kommunikation befindet sich in einem immer schnelleren Wandel. Vor allem das Internet bestimmt zunehmend, wie wir die Welt sehen. Aktuelle Trends dabei sind die steigende mobile Nutzung des Internets über Mobiltelefone und Smartphones sowie die zunehmende Verbreitung von sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder studiVZ, vor allem in der jungen Altersgruppe ab 10 Jahren.

Welche Auswirkungen hat dieser Wandel auf unsere Gesellschaften? Während die einen bereits mit Blick auf Ägypten oder den Iran von Facebook- bzw. Twitter-Revolutionen sprechen, sehen andere im Web 2.0 lediglich einen Bazar der Banalitäten – und noch dazu ein Risiko für persönliche Daten.

Doch die technischen Neuerungen verändern nicht nur die Kommunikationswege, sondern auch die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Während die klassische „one-to-many“ Massen-Kommunikation überwiegend mono-direktional, also nicht rückkanalfähig war, bietet das Web 2.0 Interaktivität und Anschlussfähigkeit und eröffnet neue Partizipationsmöglichkeiten.

Social Media verändern nicht nur den persönlichen Austausch, sondern auch die Kommunikation von Institutionen, Unternehmen, Marken, Verbänden und Parteien. Was früher ein E-Mail-Newsletter war, sind heute zunehmend die sozialen Netzwerke. So sind beispielsweise alle großen Parteien und viele Politiker, aber auch Vereine, Jugendverbände oder gemeinnützige Institutionen bei Facebook vertreten und werden tausendfach „gemocht“. Spitzenreiter ist hierbei US-Präsident Obama, dessen Facebook-Meldungen von über 18 Millionen Nutzern verfolgt werden – und der damit irgendwo zwischen Lady Gaga und Justin Bieber reüssiert.

Ob auch jenseits dieser eher trivialen Fakten das Web 2.0 Auswirkungen auf demokratische Prozesse und gesellschaftliche Teilhabe – vor allem für die jüngere Generation – hat, soll im Folgenden betrachtet werden.

 

Digital Natives und Social Networks

Für die junge Generation der Digital Natives ist on-line der Normalzustand und das Internet weit mehr als lediglich ein Netzwerk zum Abrufen von Informationen oder Versenden von E-Mails – eine Nutzungsform, die mittlerweile im Übrigen vor allem von den „älteren“ Nutzern jenseits der 35 in Anspruch genommen wird. Für Kinder und Jugendliche ist das Internet heute Spielplatz, Tagebuch, Fotoalbum, ein Ort um Freunde zu treffen, zu flirten oder zu chatten – kurz ein elementarer Bestandteil des alltäglichen Lebens bis hinein in die privatesten Bereiche.

Ein grundlegendes Merkmal des Web 2.0 im Unterschied zu klassischen Medien ist die Produktion von Inhalten durch die Internetnutzer, so genannter User Generated Content. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia beinhaltet beispielsweise 13 Millionen Artikel in mehr als 240 Sprachen, die durch die Nutzer selbst erstellt wurden. Zurzeit sind mehr als 1,2 Millionen Artikel allein auf Deutsch verfügbar. Auch andere Angebote des so genannten Web 2.0 lassen die ursprünglichen Grenzen zwischen Sender und Empfänger verschwinden. Der Umfang des von Nutzern auf das Videoportal Youtube hochgeladenen Videomaterials beträgt 24 Stunden – pro Minute. Dazu werden jeden Tag zwei Milliarden Videos abgespielt. In einer beliebigen Stunde wurden 2010 zudem weltweit mehr als 15 Milliarden Twitter-Nachrichten verschickt. Keines dieser Internetangebote existierte im Jahr 2000.

2010 nutzten bereits drei Viertel aller Personen ab zehn Jahren, bei den 16- bis 24-Jährigen sogar 98 Prozent. Bei den Kindern zwischen sechs und 13 Jahren nutzen 57 Prozent das Internet zumindest selten. Und ein Viertel der Sechs- bis 13-Jährigen will laut KIM-Studie nicht mehr auf Computer und Internet verzichten. Und die Affinität zu PC und Onlinediensten nimmt mit dem Alter deutlich zu: Während nur sechs Prozent der jüngsten Kinder (sechs und sieben Jahre) den PC und das Internet als unentbehrlich ansehen, sind es bei den Zwölf- bis 13-Jährigen bereits 41 Prozent. Dabei löst der Computer zunehmend das Fernsehen als wichtigstes Medium ab: Während drei Viertel der Sechs- bis Siebenjährigen nicht auf das Fernsehen verzichten wollen, sind es bei Kindern zwischen zwölf und 13 Jahren nur noch 40 Prozent.

Die Plattform Facebook hat heute weltweit 500 Millionen aktive Nutzer, von denen 200 Millionen sich über mobile Endgeräte, beispielsweise Mobiltelefone oder Tablet PCs wie Apples iPad, einloggen. In Deutschland nutzen jeden Tag mehr als 16 Millionen Menschen Facebook. Der durchschnittliche Facebook-Nutzer ist dabei mit 130 weiteren Personen verknüpft und folgt 80 Gemeinschaftsseiten, Gruppen und Veranstaltungen. Weltweit werden 700 Milliarden Minuten auf Facebook verbracht.

Die Zahlen zeigen dass Social Media weit mehr als nur ein vorrübergehendes Phänomen ist. Das Social Web ändert die Art, wie wir kommunizieren, miteinander in Kontakt treten und zusammen arbeiten. Zudem hat Facebook sein Angebot nach außen geöffnet und durch die Einführung der Open Graph-Schnittstelle internetweit anschlussfähig gemacht. Facebook ist damit mehr als nur ein Angebot im World Wide Web, es eröffnet vielmehr eine neue Internet-Anwendung wie in der Vergangenheit E-Mail oder das Usenet. Mit dem ersten Auftauchen der „Like“- oder „Mögen-“ Buttons außerhalb von Facebook, durch den Geotagging-Dienst Facebook-Places sowie durch Facebook Mail wurde eine neue Infrastruktur begründet, die weit über bisherige Internetplattformen hinausgeht: Facebook wurde zum Eisenbahnnetz des 21. Jahrhunderts, nur dass es statt Personen und Gütern Bilder, Nachrichten, persönliche Profile, Videos, Ortsangaben und eine Vielzahl von anderen Informationen und Applikationen transportiert.

Soziale Netzwerke gehen damit weit über ein elektronisches Poesie-Album hinaus. Sowohl Unternehmensauftritte als auch zivilgesellschaftliche Kampagnen sind heute ohne Facebook-Page oder YouTube-Channel nicht vorstellbar. Auf klassische Webseiten wird zunehmend verzichtet. Dies hat Auswirkungen auf die institutionelle Kommunikation und eröffnet neue Formen der Partizipation, die im Folgenden beispielhaft erläutert werden sollen.

 

Teilen statt Herrschen

Institutionelle Kommunikation im Web 2.0 folgt anderen Regeln als offline oder auch noch im Web 1.0. Institutionen können in den direkten Dialog mit Nutzern eintreten, müssen jedoch auch Kommentare, Fragen oder Bewertungen ernst nehmen und darauf reagieren, nur dann ist neben dem Wechsel des Kommunikationsweges auch ein Wandel in der Qualität der Kommunikation möglich. Offenheit, Authentizität und Dialogbereitschaft sind die Prinzipien, die Institutionen im Social Web verfolgen sollten. Gleichzeitig geben Institutionen dabei jedoch auch einen Teil der Deutungshoheit über ihre Inhalte auf. Alles, was einmal kommuniziert wurde, wird kommentiert, geteilt, weitergeschickt, verlinkt und bewertet. Kommunikation findet zunehmend auf Augenhöhe statt. Dieses Prinzip des „Teilens statt Herrschens“ stellt jede Institution vor die Aufgabe, die eigene Position immer wieder zu überdenken und zu verargumentieren – ob dies Segen oder Fluch ist, möge jeder für sich entscheiden.

Das bloße Veranstalten von Umfragen oder Kommentarfunktionen, auf die keine Anschlusskommunikation folgt, greifen dabei zu kurz und werden von Web 2.0-Nutzern zunehmend kritisch gesehen. Die Nutzer wollen ernst genommen und an Prozessen beteiligt werden.

Eine Nichtbeachtung sozialer Netzwerke wird sich für viele Institutionen in jedem Fall nicht lange durchhalten lassen – denn viele von ihnen kommen auch ohne eigenes Zutun im Web 2.0 vor. Selbst wer keine eigene Web 2.0-Präsenz hat, sollte sich einmal die Mühe machen, YouTube, Qype und Co. nach nutzergenerierten Inhalten über sich selbst zu durchforsten – und wird möglicherweise überrascht sein. Die Frage ist oftmals nicht, ob man im Web 2.0 vorkommt, sondern ob man dabei sein möchte, wenn über einen geredet wird. Für alle Institutionen, die in einen Diskurs eintreten wollen, wird eine Präsenz in den sozialen Netzwerken somit immer wichtiger.

Die Nutzer schaffen es hier, durch eigene Inhalte – über eine bloße Meinungsäußerung hinaus – Diskurse anzustoßen, die auch Rückkopplungen außerhalb der virtuellen Welt haben und von Unternehmen wie Institutionen zunehmend ernst genommen werden. Die Kampagne von Greenpeace wegen der Urwaldrodung zur Palmölgewinnung durch westliche Konzerne ist hierfür nur ein Beispiel.

 

e-Democracy und Citizen 2.0?

Die Debatte über „e-Democracy“ – also die Nutzung des Internet für die demokratische Willensbildung und Mitbestimmung – ist so alt wie das Internet selbst, ohne jedoch, dass sich daraus wirklich neue Herrschafts- oder Regierungsformen entwickelt haben. Oftmals haben sich entsprechende Diskussionen in der Einrichtung von Online-Kontaktformularen oder – wie in Estland – im eVoting, also der elektronischen Stimmenabgabe über das Internet, erschöpft. Wirkliche Neuerungen in der Art und Weise, wie die demokratische Willensbildung stattfindet, haben sich darüber hinaus hingegen bisher kaum ergeben.

Partizipation im Internet bewegt sich damit irgendwo zwischen dem bloßen Äußern einer Meinung und direkt-demokratischen Elementen. Während bei ersterem die Frage nach der Anschlussmöglichkeit und der Rückwirkung in demokratische Entscheidungsprozesse im Raum steht, stellen sich direkt-demokratische Elemente problematisch dar, solange nicht technische und gesellschaftliche Instrumente geschaffen sind, die eine freie, gleiche, geheime und direkte Beteiligung ermöglichen.

Es ist dabei Aufgabe der Politik, Partizipation im Internet zu ermöglichen und beispielsweise in Online-Konsultationen Anregungen, Meinungen und Empfehlungen im politischen Entscheidungsprozess zu berücksichtigen, ohne dabei der lautesten Stimme oder einer internetaffinen Minderheit zu viel Gewicht einzuräumen. Bis es dazu kommt ist die Ausgestaltung der Partizipation im Internet ein Diskurs, der vor allem auch dort – im Internet – geführt wird. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages als „Beteiligungsexperiment“ ist nur ein Forum, auf dem diese Debatte stattfindet.

Bei aller Diskussion ist jedoch die Frage bis heute nicht beantwortet, wie tiefgreifend die digitale Netzkultur und der „Citizen 2.0“ die Gesellschaft und das politisches System tatsächlich umwälzen wird. Offensichtlich ist jedoch, dass die „digitale Öffentlichkeit“ keinen Gegenentwurf zur „realen Welt“ darstellt, sondern sich vielmehr auf die oben beschriebene zunehmende gegenseitige Durchdringung von Gesellschaft und Internet bezieht. Auch ob das Web 2.0 die Gesamtzahl der an einer politischen Beteiligung interessierten Bürger erhöht, ist jedoch nach wie vor offen. Skeptiker warnen dabei davor, das Web 2.0 für die politische Beteiligung mit Erwartungen zu überfrachten.

Auch ist das Internet nicht per se demokratisch. Aber es verändert unsere Kommunikation und ermöglicht neue Formen der Partizipation und des politischen Diskurses. Beispiele aus aller Welt – man denke an den Iran, Tunesien oder Libyen – zeigen, dass das Internet ein machtvolles Instrument in der demokratischen Teilhabe sein kann, jedoch auch, dass es alleine noch kein Garant für Meinungsfreiheit und die Abwesenheit von Zensur ist.

Auch das Internet als solches ist nicht vor Zensur gefeit, wie beispielsweise staatliche Eingriffe in China oder Saudi-Arabien zeigen. Das Internet, so wie wir es kennen, ist das Produkt einer demokratischen Gesellschaft und funktioniert nur, wenn neben den technischen auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen dies zulassen. Der freie Austausch von Meinungen ist einer der Grundpfeiler von demokratischen und zivilen Gesellschaften.

Die oben beschriebenen neuen Formen der Interaktivität und Anschlussfähigkeit, die das Web 2.0 bietet, schlagen bei aller Skepsis dennoch ein neues Kapitel der demokratischen Partizipation auf, auch wenn bestehende Staats- und Verwaltungsstrukturen sicherlich nicht überflüssig werden. Aus demokratie-theoretischer Sicht stellt sich zudem die Frage, ob die mögliche Partizipation im Internet die Demokratie in jedem Fall stärkt. Fraglich ist dies zumindest immer dort, wo das Prinzip der Gleichheit der Stimme nicht gewährleistet wird oder die demokratische Legitimation von Akteuren außerhalb bestehender gewählter Institutionen hinterfragt werden muss.

Dirk Kurbjuweit, der im SPIEGEL mit dem Ausdruck „Wutbürger“ das Wort des Jahres 2010 prägte, spricht von der Gefahr, dass beiseitegeschoben werde, was das Bürgertum immer ausgemacht habe: „Verantwortlichkeit, nicht nur das Eigene und das Jetzt im Blick zu haben, sondern auch das Allgemeine und das Morgen.“ Der „Wutbürger“ vergesse zudem, dass er die Demokratie trage. Es spiele keine Rolle mehr, dass ein Projekt beispielsweise in einem langen Prozess durch alle demokratischen Instanzen gegangen ist: „Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.“ Viele der entsprechenden Protestveranstaltungen in Deutschland und weltweit wären in der jüngeren Zeit ohne soziale Netzwerke und das Web 2.0 in diesem Ausmaße nicht möglich gewesen.

Das Web 2.0 bietet jedoch auch eine ganze Reihe von Partizipationsmöglichkeiten, um bestehende Strukturen zu beeinflussen und an sie anzuschließen, auch ohne dass dadurch gleich demokratische Prozesse übergangen werden. Nie war es einfacher, für seinen Zweck die Initiative zu ergreifen, um Mitstreiter zu werben und diese zu finden sowie sich zu organisieren – auch abseits traditioneller Vereine, Verbände und Parteien. Einige dieser Formen, für die das Web 2.0 Voraussetzung ist, sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

 

Online Konsultationen

Es gehört zur Good Practice von staatlichen Entscheidungsprozessen, die Öffentlichkeit an diesen zu beteiligen. Sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer und internationaler Ebene haben in Stakeholder-Dialogen auch zivilgesellschaftliche Akteure die Möglichkeit, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Die gesamte Infrastruktur des Internet baut beispielsweise auf dem Prinzip des „rough consensus, running code“ auf, in dem die Nutzer selbst in sogenannten Requests for Comments technische Mindeststandards definiert haben. Auf Ebene der Vereinten Nationen geschieht dies beispielsweise im Internet Governance Forum (IGF), einem Diskurs über die Ausgestaltung der Zukunft des Internet. Auch wenn vor allem auf europäischer und internationaler Ebene zivilgesellschaftliche Akteure häufig an die Grenzen ihrer personellen und finanziellen Ressourcen stoßen, bieten diese Konsultationen eine konkrete Form der Mitwirkung.

So hat beispielsweise auch die EU-Kommission bereits seit 2002 die Konsultationsplattform „Ihre Stimme in Europa“ im Internet eingerichtet, auf der sich Interessierte über Gesetzesvorhaben informieren und einbringen können.

Für Deutschland hat die Bertelsmann-Stiftung einen Leitfaden für Online-Konsultationen entwickelt, der Teilhabe und Mitmachen als die zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sieht. Der Leitfaden bietet einen Überblick über die Online-Beteiligung in Deutschland sowie aktuelle Entwicklungen und zentrale Anwendungsfelder und betrachtet unter anderem Fragen zum Nutzen von Konsultationen und wie das Internet Beteiligung unterstützen kann.

Der Leitfaden sieht in der Entwicklung digitaler Kommunikationsmedien eine vielversprechende Möglichkeit, die Bürgerinnen und Bürger mit vertretbarem Aufwand zu erreichen, ihre Meinungen und Erfahrungen einzuholen und über notwendige Maßnahmen mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Allen voran setzten zunehmend Kommunen das Internet als Medium ein, um ihre Bürger an der Diskussion zu aktuellen Themen wie Flächennutzung, Bauvorhaben, Familienpolitik, Umweltschutz, Lärmbegrenzung, Gestaltung eines Leitbildes oder auch Haushaltsplanung zu beteiligen.

Bei der hohen Internetpenetration in Deutschland ist zwar davon auszugehen, dass die Mehrheit der an einer Beteiligung interessierten Bürgerinnen und Bürgern auch die Möglichkeit hat, sich einzubringen. Dennoch ist jedoch auch die Grenze von Konsultationen klar zu nennen: „Sie können – zumindest bei derzeit erreichbaren Teilnehmerzahlen – keine repräsentativen Studien ersetzen. Konsultationen, Gutachten und empirische Studien stehen daher nicht zueinander in Konkurrenz, sondern ergänzen sich zu einem umfassenden Gesamtbild, auf Grundlage dessen Entscheidungen sicher getroffen werden können“, so der Leitfaden.

So will beispielsweise der „Dialog Internet“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend solcherart online und in Präsenzveranstaltungen sowie zeitgleich in „dezentralen“ Diskussionen in den sozialen Netzwerken schülerVZ und Facebook in einem transparenten und offenen, gemeinsamen Prozess von Experten und Interessierten Vorschläge zu den Chancen und Risiken der technischen Entwicklungen in der Informationsgesellschaft erarbeiten. Über allem steht die Frage: „Wie sieht eine zeitgemäße Kinder- und Jugendpolitik für die digitale Welt aus?“.

In einem Expertenbeitrag beschreibt unter anderem Michael Scholl, Referent für Medien des Deutschen Bundesjugendrings, einige Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit „tatsächlich Teilhabe und Beteiligung drin sind, wenn Partizipation drauf steht“.

Unter anderem müssten Entscheidungen und Ziele transparent sein, Kinder und Jugendliche über ihre demokratischen Strukturen selbst bestimmen und die Ergebnisse nachvollziehen können, zwischen Planung und Umsetzung ein enger zeitlicher Zusammenhang bestehen und nicht zuletzt der Transfer der Ergebnisse in Entscheidungsprozesse von Politik und Verwaltung gelingen.

In insgesamt drei Phasen werden noch bis zum Sommer 2011 im „Dialog Internet“ Vorschläge und Kommentare der registrierten Nutzer gesammelt – inwieweit die Ergebnisse dann in die Arbeit des Ministeriums und der Behörden oder gar den Gesetzgebungsprozess einfließen, also der Transfer gelingt, bleibt abzuwarten.

Zudem kann eine Online-Beteiligung wie oben dargelegt, keine direkt-demokratischen Elemente enthalten, sondern immer nur dem Austausch sowie einer möglichst breiten Mitsprache- und Teilhabemöglichkeit dienen, die dann in bestehende Entscheidungsprozesse einfließen. Nur so ist eine sinnvolle Partizipation, die die Beteiligten ernst nimmt und sinnvolle Anschlussmöglichkeiten bietet. Dies bleibt, bei allen Neuerungen der Informationsgesellschaft, Aufgabe der Politik.

 

Crowdsourcing und Social Entrepreneurs

Gerade das Web 2.0 bietet jedoch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, auch außerhalb existierender Strukturen sein Anliegen voran zu treiben. Wikis ermöglichen die Zusammenarbeit jenseits von Institutionen. Mit Facebook Causes und weiteren Online-Portalen stehen zudem jedem – also nicht nur den Organisationen selbst – Instrumente zur Verfügung, für gemeinnützige Projekte online Spenden einzuwerben.

Crowdsourcing und Crowdfunding ermöglichen das reale Sammeln von Arbeitskraft oder Kapital in der virtuellen Welt und somit die konkrete Beteiligung an Projekten, die ohne die Mittel des Web 2.0 nicht oder nur unter erheblichen Aufwand möglich gewesen wäre. Inwieweit solcherlei Projekte in einer gesellschaftlichen Teilhabe münden, hängt vom Einzelfall ab. Auch der „Dialog Internet“ bedient sich in diesem Sinne der Methoden des Crowdsourcing.

Der Begriff Crowdsourcing wurde im Jahr 2006 erstmals im US-Magazin Wired eingeführt, um das Phänomen zu beschreiben, dass nach der massenhaften Verfügbarkeit von Digitalkameras Online Fotodatenbanken im Begriff waren, traditionellen Fotographen das Geschäftsmodell zu rauben. Heute versteht man unter Crowdsourcing die – meist unentgeltliche – Kollaboration verschiedener Nutzer an einem Projekt. Wikipedia ist hierfür sicherlich das beste Beispiel. Beim Crowdfunding hingegen wird versucht, Geld – entweder in der Form von Spenden oder als Risikokapital – auch außerhalb bestehender Banksysteme einzuwerben.

Kampagnen bekommen dank sozialer Netzwerke eine neue Dynamik. Beispielsweise die Proteste gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofes wären ohne die Koordination und Kommunikation über Twitter, Facebook und YouTube nicht möglich gewesen. Auch Greenpeace hat mit Green Action eine „Community für alle, die aktiven Umweltschutz leisten wollen“, errichtet, die damit wirbt: „Auf GreenAction findest du Mitstreiter, mit denen du dich verbünden und vernetzen kannst. So wird aus einer Stimme ein lauter Chor. Mach mit!“

Ein anderes Beispiel ist das „Netz gegen Nazis“, das Web 2.0-Elemente nutzt, um Demokratie, Toleranz und Pluralismus in der Gesellschaft zu fördern, unter anderem durch eine Präsenz auf allen gängigen sozialen Netzwerken oder die Möglichkeit zur Online-Diskussion und –Kollaboration. Auch die Vermittlung von Medienkompetenz für das Web 2.0 gehört zur Agenda des Netzwerkes.

Ein gänzlich anderes Phänomen beschreiben die Begriffe Social Entrepreneurship oder soziales Unternehmertum für kommerzielle Aktivitäten, die neben dem ökonomischen Erhalt auch ein gemeinnütziges oder gesellschaftliches Ziel verfolgen. Anders als gemeinnützige spendenfinanzierte Organisationen sind diese Social Ventures nicht (nur) auf Spenden angewiesen, sondern versuchen, das für das gesellschaftliche Ziel notwendige Kapital selbst zu erwirtschaften und gleichzeitig durch das unternehmerische Handeln selbst dieses Ziel zu erreichen.

Social Ventures gab es auch schon vor dem Web 2.0, dieses ist jedoch auf zwei Arten hilfreich: Zum einen ermöglicht es, online Kapital einzuwerben und sich zu vernetzen, zum anderen macht das Web 2.0 manche Geschäftsmodelle erst möglich. YouTube ermöglicht beispielsweise Sprachkurse als Social Venture mit Lehrenden aus Entwicklungsländern. So bietet die Plattform Glovico, die sich selbst als „online Fairtrade-Sprachschule“ bezeichnet, ein Modell an, von dem Sprachschüler durch Muttersprachler als Lehrer und diese wiederum durch die Schaffung einer Einnahmequelle in ihren Heimatländern profitieren. Das Projekt wurde 2011 durch die Initiative „Deutschland Land der Ideen“ ausgezeichnet.

 

Anonyme Partizipation?

All diesen Partizipations-Formen ist gemein, dass sie ohne das Web 2.0 nicht möglich wären, sich gleichzeitig aber nicht ausschließlich auf die virtuelle Welt beschränken, sondern Rückwirkungen auf die Gesellschaft haben.

Gleichzeitig zeigen Projekte wie GuttenPlag oder WikiLeaks, dass die Partizipation nicht immer zuordenbar und rechenschaftlich ist, sondern auch aus der Anonymität heraus geschehen kann – ohne an dieser Stelle den Zweck und die gewählten Mittel beurteilen zu wollen. Der deutsche Gesetzgeber hat mit der Impressumspflicht im Telemediengesetz versucht, dieser Form der Anonymität einen Riegel vorzuschieben, was angesichts der globalen Struktur des Internet jedoch nur bedingt möglich ist.

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist, ob Partizipation im Web 2.0 immer demokratischen Prinzipien entspricht, oder nicht an sich auch undemokratisch sein kann. Wo es auf die bloße Meinung oder den längeren Atem in der Diskussion ankommt, setzt sich oftmals nicht ein demokratisch entwickelter Kompromiss durch.

Angeregt durch einen erfundenen zusätzlichen Vornamen im Wikipedia-Artikel zum damaligen Wirtschaftsminister von Guttenberg hat sich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder die Initiative Wiki Watch gegründet. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, solcherlei Fehlentwicklungen bei Wikipedia aufzuzeigen und die Diskussionen bei Wikipedia transparent zu machen. Dazu werden den Nutzern Kriterien zur Beurteilung der Qualität von einzelnen Wikipedia-Artikeln an die Hand gegeben. Die Plattform bedient sich dabei statistischer Daten, die von Wikipedia selbst zur Verfügung gestellt werden. Auch hier generiert sich die kritische Begleitung von Entwicklungen im Web 2.0 aus den Mitteln des Web 2.0 selbst.

 

Medienkompetenz 2.0

Abgesehen von der notwendigen rechtlichen Diskussion muss es jedoch auch einen medienethischen Diskurs um die Ausgestaltung der Partizipation online geben. Hierbei darf auch ein anderer Aspekt der Nutzung von neuen Medien nicht vernachlässigt werden, nämlich die Vermittlung von Medienkompetenz.

Neben der Schule kommt hierbei auch anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendbildung eine zunehmend wichtigere Aufgabe zu, der in weiten Bereichen bereits mit einer Vielzahl von Projekten und Handreichungen begegnet wird. Das Web 2.0 ist hierbei zugleich Teil des Problems und der Lösung. Genau dort, wo beispielsweise Kinder und Jugendliche sich alltäglichen medienethischen Problemen gegenüber gestellt sehen, wird auch versucht, Lösungen aufzuzeigen und Hilfestellungen zu geben. Initiativen wie Juuuport, SCHAU HIN! oder die EU-finanzierte Webseite Klicksafe sind in vielen sozialen Netzwerken vertreten. Auch Veröffentlichungen wie „Scout – das Magazin für Medienkompetenz“ der norddeutschen Landesmedienanstalt sollen informieren, Denkanstöße geben und aufklären.

Dabei kommt es nicht nur auf den Umgang mit neuen Technologien an, sondern auch um den Umgang mit Inhalten und die Ausgestaltung neuer Kommunikationsmöglichkeiten. Wo keine professions- oder institutionsethischen Leitfäden wie beispielsweise der Pressekodex des Deutschen Presserates bestehen, wie etwa bei Bloggern, sind die Nutzer gefragt, eigene Kodizes zu entwickeln. Zum user generated content gesellen sich user generated ethics. In unserer heutigen Mediengesellschaft wird auch Medienkompetenz zunehmend Gesellschaftskompetenz.

 

Autor: Christian Möller, theinformationsociety.org.

Dies ist eine leicht überarbeitete Fassung des Artikels „Politische Beteiligung in der digitalen Gesellschaft“, der zuerst in der Zeitschrift „Jugendpolitik. Fachzeitschrift des Deutschen Bundesjugendrings“ (Ausgabe 1/2011, 37. Jahrgang) erschienen ist.


 

 

Quellen:

  • Statistisches Bundesamt: Mobile Internetnutzung über das Handy 2010 stark gestiegen. Pressemitteilung Nr.060 vom 14.02.2011. <http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2011/02/PD11__060__63931>
  • Marc Prensky: Digital Natives, Digital Immigrants. In: On The Horizon, ISSN 1074-8121, MCB University Press, Vol. 9 No. 5, Oktober 2001. <http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf>
  • Comescore Date Mine (2011) E-mail still Popular Among the Older Generation in Europe. 28. Februar 2011 <http://www.comscoredatamine.com/2011/02/e-mail-still-popular-among-the-older-generation/>
  • Vgl. Wikipedia. (2009, September 20). In Wikipedia, The Free Encyclopedia. <http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia&oldid=315186039>
  • Wiki Watch. <http://www.wiki-watch.de/>
  • YouTube: Fact Sheet. <http://www.youtube.com/t/fact_sheet
  • Twitter: Stats. <http://twitter.com/#!/twit_stats>
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: KIM-Studie 2010 <www.mpfs.de>
  • Facebook: Statistics. <http://www.facebook.com/press/info.php?statistics>
  • Facebook Marketing: Facebook Nutzerdaten Deutschland (Stand 20.03.2011) <http://facebookmarketing.de/userdata/>
  • Greenpeace: Meilenstein: Palmölgigant verspricht Stopp der Urwaldzerstörung. 09.02.2011. <http://www.greenpeace.de/themen/waelder/nachrichten/artikel/meilenstein_palmoelgigant_verspricht_stopp_der_urwaldzerstoerung/>
  • Siehe unter anderem: Steffen Wenzel: Die demokratische Gesellschaft der Zukunft. In: politik-digital.de. 11/1999. <http://politik-digital.de/archiv/hintergrund/zukunft.shtml>
  • Deutscher Bundestag: Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft. <http://www.bundestag.de/internetenquete/>
  • Böll Stiftung: Citizen 2.0: Gesellschaftliche Teilhabe im Netz kein Selbstläufer. 03.05.2010. <http://www.boell.de/demokratie/foerderung/demokratiefoerderung-citizen20-digitale-gesellschaft-demokratie-partizipation-9124.html>
  • Möller, Christian/Arnaud Amouroux (Hrsg.) (2004) The Media Freedom Internet Cookbook. Wien: OSZE.
  • Dirk Kurbjuweit (2010) Der Wutbürger. In: Der Spiegel 41/2010.
  • Möller, Christian/Amouroux, Arnaud (2007) Governing the Internet. Freedom and Regulation in the OSCE Region. Vienna: OSCE.
  • Internet Governance Forum (IGF) Homepage. <www.intgovforum.org>
  • Europäische Kommission: Ihre Stimme in Europa. <http://ec.europa.eu/yourvoice/consultations/index_de.htm>
  • Bertelsmann Stiftung Leitfaden Online-Konsultation. Praxisempfehlungen für die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger über das Internet <www.online-konsultation.de/leitfaden>
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dialog Internet <http://www.dialog-internet.de/>
  • Michael Scholl: Bedingungen für Partizipation – auch im Netz. Dialog Internet. 28.02.2011. <http://www.dialog-internet.de/forum/blogPost/showBlogContent/111.page>
  • Jeff Howe: The Rise of Crowdsourcing. In: Wired. Issue 14.06 – June 2006. <http://www.wired.com/wired/archive/14.06/crowds.html>
  • Greenpeace: Green Action. <http://www.greenaction.de/>
  • Netz-gegen-Nazis.de <http://www.netz-gegen-nazis.de/>
  • Deutschland Land der Ideen: Preisträger 2011: Glovico – Die Online-Fairtrade-Sprachschule. <http://www.land-der-ideen.de/de/node/3443>
  • Christian Möller: Wikipedia: On Watch. In: infsocgblog.org. 10.01.2011. <http://www.infsocblog.org/2011/01/wikipedia-on-watch/>
  • Wiki Watch <www.wiki-watch.de>
  • Juuport. <http://www.juuuport.de/>
  • SCHAU HIN! <http://schau-hin.info/>
  • Klicksafe. <https://www.klicksafe.de/>
  • Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein. Scout Magazin. <http://www.ma-hsh.de/aktuelles-publikationen/publikationen/scout-magazin/>

Partizipation 2.0 (c) iStockphoto

Partizipation 2.0 (c) iStockphoto

Unsere Kommunikation befindet sich in einem immer schnelleren Wandel. Vor allem das Internet bestimmt zunehmend, wie wir die Welt sehen. Aktuelle Trends dabei sind die steigende mobile Nutzung des Internets über Mobiltelefone und Smartphones sowie die zunehmende Verbreitung von sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder studiVZ, vor allem in der jungen Altersgruppe ab 10 Jahren.

Welche Auswirkungen hat dieser Wandel auf unsere Gesellschaften? Während die einen bereits mit Blick auf Ägypten oder den Iran von Facebook- bzw. Twitter-Revolutionen sprechen, sehen andere im Web 2.0 lediglich einen Bazar der Banalitäten – und noch dazu ein Risiko für persönliche Daten.

Doch die technischen Neuerungen verändern nicht nur die Kommunikationswege, sondern auch die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Während die klassische „one-to-many“ Massen-Kommunikation überwiegend mono-direktional, also nicht rückkanalfähig war, bietet das Web 2.0 Interaktivität und Anschlussfähigkeit und eröffnet neue Partizipationsmöglichkeiten.

Social Media verändern nicht nur den persönlichen Austausch, sondern auch die Kommunikation von Institutionen, Unternehmen, Marken, Verbänden und Parteien. Was früher ein E-Mail-Newsletter war, sind heute zunehmend die sozialen Netzwerke. So sind beispielsweise alle großen Parteien und viele Politiker, aber auch Vereine, Jugendverbände oder gemeinnützige Institutionen bei Facebook vertreten und werden tausendfach „gemocht“. Spitzenreiter ist hierbei US-Präsident Obama, dessen Facebook-Meldungen von über 18 Millionen Nutzern verfolgt werden – und der damit irgendwo zwischen Lady Gaga und Justin Bieber reüssiert.

Ob auch jenseits dieser eher trivialen Fakten das Web 2.0 Auswirkungen auf demokratische Prozesse und gesellschaftliche Teilhabe – vor allem für die jüngere Generation – hat, soll im Folgenden betrachtet werden.

 

Digital Natives und Social Networks

Für die junge Generation der Digital Natives ist on-line der Normalzustand und das Internet weit mehr als lediglich ein Netzwerk zum Abrufen von Informationen oder Versenden von E-Mails – eine Nutzungsform, die mittlerweile im Übrigen vor allem von den „älteren“ Nutzern jenseits der 35 in Anspruch genommen wird. Für Kinder und Jugendliche ist das Internet heute Spielplatz, Tagebuch, Fotoalbum, ein Ort um Freunde zu treffen, zu flirten oder zu chatten – kurz ein elementarer Bestandteil des alltäglichen Lebens bis hinein in die privatesten Bereiche.

Ein grundlegendes Merkmal des Web 2.0 im Unterschied zu klassischen Medien ist die Produktion von Inhalten durch die Internetnutzer, so genannter User Generated Content. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia beinhaltet beispielsweise 13 Millionen Artikel in mehr als 240 Sprachen, die durch die Nutzer selbst erstellt wurden. Zurzeit sind mehr als 1,2 Millionen Artikel allein auf Deutsch verfügbar. Auch andere Angebote des so genannten Web 2.0 lassen die ursprünglichen Grenzen zwischen Sender und Empfänger verschwinden. Der Umfang des von Nutzern auf das Videoportal Youtube hochgeladenen Videomaterials beträgt 24 Stunden – pro Minute. Dazu werden jeden Tag zwei Milliarden Videos abgespielt. In einer beliebigen Stunde wurden 2010 zudem weltweit mehr als 15 Milliarden Twitter-Nachrichten verschickt. Keines dieser Internetangebote existierte im Jahr 2000.

2010 nutzten bereits drei Viertel aller Personen ab zehn Jahren, bei den 16- bis 24-Jährigen sogar 98 Prozent. Bei den Kindern zwischen sechs und 13 Jahren nutzen 57 Prozent das Internet zumindest selten. Und ein Viertel der Sechs- bis 13-Jährigen will laut KIM-Studie nicht mehr auf Computer und Internet verzichten. Und die Affinität zu PC und Onlinediensten nimmt mit dem Alter deutlich zu: Während nur sechs Prozent der jüngsten Kinder (sechs und sieben Jahre) den PC und das Internet als unentbehrlich ansehen, sind es bei den Zwölf- bis 13-Jährigen bereits 41 Prozent. Dabei löst der Computer zunehmend das Fernsehen als wichtigstes Medium ab: Während drei Viertel der Sechs- bis Siebenjährigen nicht auf das Fernsehen verzichten wollen, sind es bei Kindern zwischen zwölf und 13 Jahren nur noch 40 Prozent.

Die Plattform Facebook hat heute weltweit 500 Millionen aktive Nutzer, von denen 200 Millionen sich über mobile Endgeräte, beispielsweise Mobiltelefone oder Tablet PCs wie Apples iPad, einloggen. In Deutschland nutzen jeden Tag mehr als 16 Millionen Menschen Facebook. Der durchschnittliche Facebook-Nutzer ist dabei mit 130 weiteren Personen verknüpft und folgt 80 Gemeinschaftsseiten, Gruppen und Veranstaltungen. Weltweit werden 700 Milliarden Minuten auf Facebook verbracht.

Die Zahlen zeigen dass Social Media weit mehr als nur ein vorrübergehendes Phänomen ist. Das Social Web ändert die Art, wie wir kommunizieren, miteinander in Kontakt treten und zusammen arbeiten. Zudem hat Facebook sein Angebot nach außen geöffnet und durch die Einführung der Open Graph-Schnittstelle internetweit anschlussfähig gemacht. Facebook ist damit mehr als nur ein Angebot im World Wide Web, es eröffnet vielmehr eine neue Internet-Anwendung wie in der Vergangenheit E-Mail oder das Usenet. Mit dem ersten Auftauchen der „Like“- oder „Mögen-“ Buttons außerhalb von Facebook, durch den Geotagging-Dienst Facebook-Places sowie durch Facebook Mail wurde eine neue Infrastruktur begründet, die weit über bisherige Internetplattformen hinausgeht: Facebook wurde zum Eisenbahnnetz des 21. Jahrhunderts, nur dass es statt Personen und Gütern Bilder, Nachrichten, persönliche Profile, Videos, Ortsangaben und eine Vielzahl von anderen Informationen und Applikationen transportiert.

Soziale Netzwerke gehen damit weit über ein elektronisches Poesie-Album hinaus. Sowohl Unternehmensauftritte als auch zivilgesellschaftliche Kampagnen sind heute ohne Facebook-Page oder YouTube-Channel nicht vorstellbar. Auf klassische Webseiten wird zunehmend verzichtet. Dies hat Auswirkungen auf die institutionelle Kommunikation und eröffnet neue Formen der Partizipation, die im Folgenden beispielhaft erläutert werden sollen.

 

Teilen statt Herrschen

Institutionelle Kommunikation im Web 2.0 folgt anderen Regeln als offline oder auch noch im Web 1.0. Institutionen können in den direkten Dialog mit Nutzern eintreten, müssen jedoch auch Kommentare, Fragen oder Bewertungen ernst nehmen und darauf reagieren, nur dann ist neben dem Wechsel des Kommunikationsweges auch ein Wandel in der Qualität der Kommunikation möglich. Offenheit, Authentizität und Dialogbereitschaft sind die Prinzipien, die Institutionen im Social Web verfolgen sollten. Gleichzeitig geben Institutionen dabei jedoch auch einen Teil der Deutungshoheit über ihre Inhalte auf. Alles, was einmal kommuniziert wurde, wird kommentiert, geteilt, weitergeschickt, verlinkt und bewertet. Kommunikation findet zunehmend auf Augenhöhe statt. Dieses Prinzip des „Teilens statt Herrschens“ stellt jede Institution vor die Aufgabe, die eigene Position immer wieder zu überdenken und zu verargumentieren – ob dies Segen oder Fluch ist, möge jeder für sich entscheiden.

Das bloße Veranstalten von Umfragen oder Kommentarfunktionen, auf die keine Anschlusskommunikation folgt, greifen dabei zu kurz und werden von Web 2.0-Nutzern zunehmend kritisch gesehen. Die Nutzer wollen ernst genommen und an Prozessen beteiligt werden.

Eine Nichtbeachtung sozialer Netzwerke wird sich für viele Institutionen in jedem Fall nicht lange durchhalten lassen – denn viele von ihnen kommen auch ohne eigenes Zutun im Web 2.0 vor. Selbst wer keine eigene Web 2.0-Präsenz hat, sollte sich einmal die Mühe machen, YouTube, Qype und Co. nach nutzergenerierten Inhalten über sich selbst zu durchforsten – und wird möglicherweise überrascht sein. Die Frage ist oftmals nicht, ob man im Web 2.0 vorkommt, sondern ob man dabei sein möchte, wenn über einen geredet wird. Für alle Institutionen, die in einen Diskurs eintreten wollen, wird eine Präsenz in den sozialen Netzwerken somit immer wichtiger.

Die Nutzer schaffen es hier, durch eigene Inhalte – über eine bloße Meinungsäußerung hinaus – Diskurse anzustoßen, die auch Rückkopplungen außerhalb der virtuellen Welt haben und von Unternehmen wie Institutionen zunehmend ernst genommen werden. Die Kampagne von Greenpeace wegen der Urwaldrodung zur Palmölgewinnung durch westliche Konzerne ist hierfür nur ein Beispiel.

 

e-Democracy und Citizen 2.0?

Die Debatte über „e-Democracy“ – also die Nutzung des Internet für die demokratische Willensbildung und Mitbestimmung – ist so alt wie das Internet selbst, ohne jedoch, dass sich daraus wirklich neue Herrschafts- oder Regierungsformen entwickelt haben. Oftmals haben sich entsprechende Diskussionen in der Einrichtung von Online-Kontaktformularen oder – wie in Estland – im eVoting, also der elektronischen Stimmenabgabe über das Internet, erschöpft. Wirkliche Neuerungen in der Art und Weise, wie die demokratische Willensbildung stattfindet, haben sich darüber hinaus hingegen bisher kaum ergeben.

Partizipation im Internet bewegt sich damit irgendwo zwischen dem bloßen Äußern einer Meinung und direkt-demokratischen Elementen. Während bei ersterem die Frage nach der Anschlussmöglichkeit und der Rückwirkung in demokratische Entscheidungsprozesse im Raum steht, stellen sich direkt-demokratische Elemente problematisch dar, solange nicht technische und gesellschaftliche Instrumente geschaffen sind, die eine freie, gleiche, geheime und direkte Beteiligung ermöglichen.

Es ist dabei Aufgabe der Politik, Partizipation im Internet zu ermöglichen und beispielsweise in Online-Konsultationen Anregungen, Meinungen und Empfehlungen im politischen Entscheidungsprozess zu berücksichtigen, ohne dabei der lautesten Stimme oder einer internetaffinen Minderheit zu viel Gewicht einzuräumen. Bis es dazu kommt ist die Ausgestaltung der Partizipation im Internet ein Diskurs, der vor allem auch dort – im Internet – geführt wird. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages als „Beteiligungsexperiment“ ist nur ein Forum, auf dem diese Debatte stattfindet.

Bei aller Diskussion ist jedoch die Frage bis heute nicht beantwortet, wie tiefgreifend die digitale Netzkultur und der „Citizen 2.0“ die Gesellschaft und das politisches System tatsächlich umwälzen wird. Offensichtlich ist jedoch, dass die „digitale Öffentlichkeit“ keinen Gegenentwurf zur „realen Welt“ darstellt, sondern sich vielmehr auf die oben beschriebene zunehmende gegenseitige Durchdringung von Gesellschaft und Internet bezieht. Auch ob das Web 2.0 die Gesamtzahl der an einer politischen Beteiligung interessierten Bürger erhöht, ist jedoch nach wie vor offen. Skeptiker warnen dabei davor, das Web 2.0 für die politische Beteiligung mit Erwartungen zu überfrachten.

Auch ist das Internet nicht per se demokratisch. Aber es verändert unsere Kommunikation und ermöglicht neue Formen der Partizipation und des politischen Diskurses. Beispiele aus aller Welt – man denke an den Iran, Tunesien oder Libyen – zeigen, dass das Internet ein machtvolles Instrument in der demokratischen Teilhabe sein kann, jedoch auch, dass es alleine noch kein Garant für Meinungsfreiheit und die Abwesenheit von Zensur ist.

Auch das Internet als solches ist nicht vor Zensur gefeit, wie beispielsweise staatliche Eingriffe in China oder Saudi-Arabien zeigen. Das Internet, so wie wir es kennen, ist das Produkt einer demokratischen Gesellschaft und funktioniert nur, wenn neben den technischen auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen dies zulassen. Der freie Austausch von Meinungen ist einer der Grundpfeiler von demokratischen und zivilen Gesellschaften.

Die oben beschriebenen neuen Formen der Interaktivität und Anschlussfähigkeit, die das Web 2.0 bietet, schlagen bei aller Skepsis dennoch ein neues Kapitel der demokratischen Partizipation auf, auch wenn bestehende Staats- und Verwaltungsstrukturen sicherlich nicht überflüssig werden. Aus demokratie-theoretischer Sicht stellt sich zudem die Frage, ob die mögliche Partizipation im Internet die Demokratie in jedem Fall stärkt. Fraglich ist dies zumindest immer dort, wo das Prinzip der Gleichheit der Stimme nicht gewährleistet wird oder die demokratische Legitimation von Akteuren außerhalb bestehender gewählter Institutionen hinterfragt werden muss.

Dirk Kurbjuweit, der im SPIEGEL mit dem Ausdruck „Wutbürger“ das Wort des Jahres 2010 prägte, spricht von der Gefahr, dass beiseitegeschoben werde, was das Bürgertum immer ausgemacht habe: „Verantwortlichkeit, nicht nur das Eigene und das Jetzt im Blick zu haben, sondern auch das Allgemeine und das Morgen.“ Der „Wutbürger“ vergesse zudem, dass er die Demokratie trage. Es spiele keine Rolle mehr, dass ein Projekt beispielsweise in einem langen Prozess durch alle demokratischen Instanzen gegangen ist: „Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.“ Viele der entsprechenden Protestveranstaltungen in Deutschland und weltweit wären in der jüngeren Zeit ohne soziale Netzwerke und das Web 2.0 in diesem Ausmaße nicht möglich gewesen.

Das Web 2.0 bietet jedoch auch eine ganze Reihe von Partizipationsmöglichkeiten, um bestehende Strukturen zu beeinflussen und an sie anzuschließen, auch ohne dass dadurch gleich demokratische Prozesse übergangen werden. Nie war es einfacher, für seinen Zweck die Initiative zu ergreifen, um Mitstreiter zu werben und diese zu finden sowie sich zu organisieren – auch abseits traditioneller Vereine, Verbände und Parteien. Einige dieser Formen, für die das Web 2.0 Voraussetzung ist, sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

 

Online Konsultationen

Es gehört zur Good Practice von staatlichen Entscheidungsprozessen, die Öffentlichkeit an diesen zu beteiligen. Sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer und internationaler Ebene haben in Stakeholder-Dialogen auch zivilgesellschaftliche Akteure die Möglichkeit, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Die gesamte Infrastruktur des Internet baut beispielsweise auf dem Prinzip des „rough consensus, running code“ auf, in dem die Nutzer selbst in sogenannten Requests for Comments technische Mindeststandards definiert haben. Auf Ebene der Vereinten Nationen geschieht dies beispielsweise im Internet Governance Forum (IGF), einem Diskurs über die Ausgestaltung der Zukunft des Internet. Auch wenn vor allem auf europäischer und internationaler Ebene zivilgesellschaftliche Akteure häufig an die Grenzen ihrer personellen und finanziellen Ressourcen stoßen, bieten diese Konsultationen eine konkrete Form der Mitwirkung.

So hat beispielsweise auch die EU-Kommission bereits seit 2002 die Konsultationsplattform „Ihre Stimme in Europa“ im Internet eingerichtet, auf der sich Interessierte über Gesetzesvorhaben informieren und einbringen können.

Für Deutschland hat die Bertelsmann-Stiftung einen Leitfaden für Online-Konsultationen entwickelt, der Teilhabe und Mitmachen als die zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sieht. Der Leitfaden bietet einen Überblick über die Online-Beteiligung in Deutschland sowie aktuelle Entwicklungen und zentrale Anwendungsfelder und betrachtet unter anderem Fragen zum Nutzen von Konsultationen und wie das Internet Beteiligung unterstützen kann.

Der Leitfaden sieht in der Entwicklung digitaler Kommunikationsmedien eine vielversprechende Möglichkeit, die Bürgerinnen und Bürger mit vertretbarem Aufwand zu erreichen, ihre Meinungen und Erfahrungen einzuholen und über notwendige Maßnahmen mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Allen voran setzten zunehmend Kommunen das Internet als Medium ein, um ihre Bürger an der Diskussion zu aktuellen Themen wie Flächennutzung, Bauvorhaben, Familienpolitik, Umweltschutz, Lärmbegrenzung, Gestaltung eines Leitbildes oder auch Haushaltsplanung zu beteiligen.

Bei der hohen Internetpenetration in Deutschland ist zwar davon auszugehen, dass die Mehrheit der an einer Beteiligung interessierten Bürgerinnen und Bürgern auch die Möglichkeit hat, sich einzubringen. Dennoch ist jedoch auch die Grenze von Konsultationen klar zu nennen: „Sie können – zumindest bei derzeit erreichbaren Teilnehmerzahlen – keine repräsentativen Studien ersetzen. Konsultationen, Gutachten und empirische Studien stehen daher nicht zueinander in Konkurrenz, sondern ergänzen sich zu einem umfassenden Gesamtbild, auf Grundlage dessen Entscheidungen sicher getroffen werden können“, so der Leitfaden.

So will beispielsweise der „Dialog Internet“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend solcherart online und in Präsenzveranstaltungen sowie zeitgleich in „dezentralen“ Diskussionen in den sozialen Netzwerken schülerVZ und Facebook in einem transparenten und offenen, gemeinsamen Prozess von Experten und Interessierten Vorschläge zu den Chancen und Risiken der technischen Entwicklungen in der Informationsgesellschaft erarbeiten. Über allem steht die Frage: „Wie sieht eine zeitgemäße Kinder- und Jugendpolitik für die digitale Welt aus?“.

In einem Expertenbeitrag beschreibt unter anderem Michael Scholl, Referent für Medien des Deutschen Bundesjugendrings, einige Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit „tatsächlich Teilhabe und Beteiligung drin sind, wenn Partizipation drauf steht“.

Unter anderem müssten Entscheidungen und Ziele transparent sein, Kinder und Jugendliche über ihre demokratischen Strukturen selbst bestimmen und die Ergebnisse nachvollziehen können, zwischen Planung und Umsetzung ein enger zeitlicher Zusammenhang bestehen und nicht zuletzt der Transfer der Ergebnisse in Entscheidungsprozesse von Politik und Verwaltung gelingen.

In insgesamt drei Phasen werden noch bis zum Sommer 2011 im „Dialog Internet“ Vorschläge und Kommentare der registrierten Nutzer gesammelt – inwieweit die Ergebnisse dann in die Arbeit des Ministeriums und der Behörden oder gar den Gesetzgebungsprozess einfließen, also der Transfer gelingt, bleibt abzuwarten.

Zudem kann eine Online-Beteiligung wie oben dargelegt, keine direkt-demokratischen Elemente enthalten, sondern immer nur dem Austausch sowie einer möglichst breiten Mitsprache- und Teilhabemöglichkeit dienen, die dann in bestehende Entscheidungsprozesse einfließen. Nur so ist eine sinnvolle Partizipation, die die Beteiligten ernst nimmt und sinnvolle Anschlussmöglichkeiten bietet. Dies bleibt, bei allen Neuerungen der Informationsgesellschaft, Aufgabe der Politik.

 

Crowdsourcing und Social Entrepreneurs

Gerade das Web 2.0 bietet jedoch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, auch außerhalb existierender Strukturen sein Anliegen voran zu treiben. Wikis ermöglichen die Zusammenarbeit jenseits von Institutionen. Mit Facebook Causes und weiteren Online-Portalen stehen zudem jedem – also nicht nur den Organisationen selbst – Instrumente zur Verfügung, für gemeinnützige Projekte online Spenden einzuwerben.

Crowdsourcing und Crowdfunding ermöglichen das reale Sammeln von Arbeitskraft oder Kapital in der virtuellen Welt und somit die konkrete Beteiligung an Projekten, die ohne die Mittel des Web 2.0 nicht oder nur unter erheblichen Aufwand möglich gewesen wäre. Inwieweit solcherlei Projekte in einer gesellschaftlichen Teilhabe münden, hängt vom Einzelfall ab. Auch der „Dialog Internet“ bedient sich in diesem Sinne der Methoden des Crowdsourcing.

Der Begriff Crowdsourcing wurde im Jahr 2006 erstmals im US-Magazin Wired eingeführt, um das Phänomen zu beschreiben, dass nach der massenhaften Verfügbarkeit von Digitalkameras Online Fotodatenbanken im Begriff waren, traditionellen Fotographen das Geschäftsmodell zu rauben. Heute versteht man unter Crowdsourcing die – meist unentgeltliche – Kollaboration verschiedener Nutzer an einem Projekt. Wikipedia ist hierfür sicherlich das beste Beispiel. Beim Crowdfunding hingegen wird versucht, Geld – entweder in der Form von Spenden oder als Risikokapital – auch außerhalb bestehender Banksysteme einzuwerben.

Kampagnen bekommen dank sozialer Netzwerke eine neue Dynamik. Beispielsweise die Proteste gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofes wären ohne die Koordination und Kommunikation über Twitter, Facebook und YouTube nicht möglich gewesen. Auch Greenpeace hat mit Green Action eine „Community für alle, die aktiven Umweltschutz leisten wollen“, errichtet, die damit wirbt: „Auf GreenAction findest du Mitstreiter, mit denen du dich verbünden und vernetzen kannst. So wird aus einer Stimme ein lauter Chor. Mach mit!“

Ein anderes Beispiel ist das „Netz gegen Nazis“, das Web 2.0-Elemente nutzt, um Demokratie, Toleranz und Pluralismus in der Gesellschaft zu fördern, unter anderem durch eine Präsenz auf allen gängigen sozialen Netzwerken oder die Möglichkeit zur Online-Diskussion und –Kollaboration. Auch die Vermittlung von Medienkompetenz für das Web 2.0 gehört zur Agenda des Netzwerkes.

Ein gänzlich anderes Phänomen beschreiben die Begriffe Social Entrepreneurship oder soziales Unternehmertum für kommerzielle Aktivitäten, die neben dem ökonomischen Erhalt auch ein gemeinnütziges oder gesellschaftliches Ziel verfolgen. Anders als gemeinnützige spendenfinanzierte Organisationen sind diese Social Ventures nicht (nur) auf Spenden angewiesen, sondern versuchen, das für das gesellschaftliche Ziel notwendige Kapital selbst zu erwirtschaften und gleichzeitig durch das unternehmerische Handeln selbst dieses Ziel zu erreichen.

Social Ventures gab es auch schon vor dem Web 2.0, dieses ist jedoch auf zwei Arten hilfreich: Zum einen ermöglicht es, online Kapital einzuwerben und sich zu vernetzen, zum anderen macht das Web 2.0 manche Geschäftsmodelle erst möglich. YouTube ermöglicht beispielsweise Sprachkurse als Social Venture mit Lehrenden aus Entwicklungsländern. So bietet die Plattform Glovico, die sich selbst als „online Fairtrade-Sprachschule“ bezeichnet, ein Modell an, von dem Sprachschüler durch Muttersprachler als Lehrer und diese wiederum durch die Schaffung einer Einnahmequelle in ihren Heimatländern profitieren. Das Projekt wurde 2011 durch die Initiative „Deutschland Land der Ideen“ ausgezeichnet.

 

Anonyme Partizipation?

All diesen Partizipations-Formen ist gemein, dass sie ohne das Web 2.0 nicht möglich wären, sich gleichzeitig aber nicht ausschließlich auf die virtuelle Welt beschränken, sondern Rückwirkungen auf die Gesellschaft haben.

Gleichzeitig zeigen Projekte wie GuttenPlag oder WikiLeaks, dass die Partizipation nicht immer zuordenbar und rechenschaftlich ist, sondern auch aus der Anonymität heraus geschehen kann – ohne an dieser Stelle den Zweck und die gewählten Mittel beurteilen zu wollen. Der deutsche Gesetzgeber hat mit der Impressumspflicht im Telemediengesetz versucht, dieser Form der Anonymität einen Riegel vorzuschieben, was angesichts der globalen Struktur des Internet jedoch nur bedingt möglich ist.

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist, ob Partizipation im Web 2.0 immer demokratischen Prinzipien entspricht, oder nicht an sich auch undemokratisch sein kann. Wo es auf die bloße Meinung oder den längeren Atem in der Diskussion ankommt, setzt sich oftmals nicht ein demokratisch entwickelter Kompromiss durch.

Angeregt durch einen erfundenen zusätzlichen Vornamen im Wikipedia-Artikel zum damaligen Wirtschaftsminister von Guttenberg hat sich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder die Initiative Wiki Watch gegründet. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, solcherlei Fehlentwicklungen bei Wikipedia aufzuzeigen und die Diskussionen bei Wikipedia transparent zu machen. Dazu werden den Nutzern Kriterien zur Beurteilung der Qualität von einzelnen Wikipedia-Artikeln an die Hand gegeben. Die Plattform bedient sich dabei statistischer Daten, die von Wikipedia selbst zur Verfügung gestellt werden. Auch hier generiert sich die kritische Begleitung von Entwicklungen im Web 2.0 aus den Mitteln des Web 2.0 selbst.

 

Medienkompetenz 2.0

Abgesehen von der notwendigen rechtlichen Diskussion muss es jedoch auch einen medienethischen Diskurs um die Ausgestaltung der Partizipation online geben. Hierbei darf auch ein anderer Aspekt der Nutzung von neuen Medien nicht vernachlässigt werden, nämlich die Vermittlung von Medienkompetenz.

Neben der Schule kommt hierbei auch anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendbildung eine zunehmend wichtigere Aufgabe zu, der in weiten Bereichen bereits mit einer Vielzahl von Projekten und Handreichungen begegnet wird. Das Web 2.0 ist hierbei zugleich Teil des Problems und der Lösung. Genau dort, wo beispielsweise Kinder und Jugendliche sich alltäglichen medienethischen Problemen gegenüber gestellt sehen, wird auch versucht, Lösungen aufzuzeigen und Hilfestellungen zu geben. Initiativen wie Juuuport, SCHAU HIN! oder die EU-finanzierte Webseite Klicksafe sind in vielen sozialen Netzwerken vertreten. Auch Veröffentlichungen wie „Scout – das Magazin für Medienkompetenz“ der norddeutschen Landesmedienanstalt sollen informieren, Denkanstöße geben und aufklären.

Dabei kommt es nicht nur auf den Umgang mit neuen Technologien an, sondern auch um den Umgang mit Inhalten und die Ausgestaltung neuer Kommunikationsmöglichkeiten. Wo keine professions- oder institutionsethischen Leitfäden wie beispielsweise der Pressekodex des Deutschen Presserates bestehen, wie etwa bei Bloggern, sind die Nutzer gefragt, eigene Kodizes zu entwickeln. Zum user generated content gesellen sich user generated ethics. In unserer heutigen Mediengesellschaft wird auch Medienkompetenz zunehmend Gesellschaftskompetenz.

 

Autor: Christian Möller, theinformationsociety.org.

Dies ist eine leicht überarbeitete Fassung des Artikels „Politische Beteiligung in der digitalen Gesellschaft“, der zuerst in der Zeitschrift „Jugendpolitik. Fachzeitschrift des Deutschen Bundesjugendrings“ (Ausgabe 1/2011, 37. Jahrgang) erschienen ist.


 

Quellen:

  • Statistisches Bundesamt: Mobile Internetnutzung über das Handy 2010 stark gestiegen. Pressemitteilung Nr.060 vom 14.02.2011. <http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2011/02/PD11__060__63931>
  • Marc Prensky: Digital Natives, Digital Immigrants. In: On The Horizon, ISSN 1074-8121, MCB University Press, Vol. 9 No. 5, Oktober 2001. <http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf>
  • Comescore Date Mine (2011) E-mail still Popular Among the Older Generation in Europe. 28. Februar 2011 <http://www.comscoredatamine.com/2011/02/e-mail-still-popular-among-the-older-generation/>
  • Vgl. Wikipedia. (2009, September 20). In Wikipedia, The Free Encyclopedia. <http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia&oldid=315186039>
  • Wiki Watch. <http://www.wiki-watch.de/>
  • YouTube: Fact Sheet. <http://www.youtube.com/t/fact_sheet
  • Twitter: Stats. <http://twitter.com/#!/twit_stats>
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: KIM-Studie 2010 <www.mpfs.de>
  • Facebook: Statistics. <http://www.facebook.com/press/info.php?statistics>
  • Facebook Marketing: Facebook Nutzerdaten Deutschland (Stand 20.03.2011) <http://facebookmarketing.de/userdata/>
  • Greenpeace: Meilenstein: Palmölgigant verspricht Stopp der Urwaldzerstörung. 09.02.2011. <http://www.greenpeace.de/themen/waelder/nachrichten/artikel/meilenstein_palmoelgigant_verspricht_stopp_der_urwaldzerstoerung/>
  • Siehe unter anderem: Steffen Wenzel: Die demokratische Gesellschaft der Zukunft. In: politik-digital.de. 11/1999. <http://politik-digital.de/archiv/hintergrund/zukunft.shtml>
  • Deutscher Bundestag: Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft. <http://www.bundestag.de/internetenquete/>
  • Böll Stiftung: Citizen 2.0: Gesellschaftliche Teilhabe im Netz kein Selbstläufer. 03.05.2010. <http://www.boell.de/demokratie/foerderung/demokratiefoerderung-citizen20-digitale-gesellschaft-demokratie-partizipation-9124.html>
  • Möller, Christian/Arnaud Amouroux (Hrsg.) (2004) The Media Freedom Internet Cookbook. Wien: OSZE.
  • Dirk Kurbjuweit (2010) Der Wutbürger. In: Der Spiegel 41/2010.
  • Möller, Christian/Amouroux, Arnaud (2007) Governing the Internet. Freedom and Regulation in the OSCE Region. Vienna: OSCE.
  • Internet Governance Forum (IGF) Homepage. <www.intgovforum.org>
  • Europäische Kommission: Ihre Stimme in Europa. <http://ec.europa.eu/yourvoice/consultations/index_de.htm>
  • Bertelsmann Stiftung Leitfaden Online-Konsultation. Praxisempfehlungen für die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger über das Internet <www.online-konsultation.de/leitfaden>
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dialog Internet <http://www.dialog-internet.de/>
  • Michael Scholl: Bedingungen für Partizipation – auch im Netz. Dialog Internet. 28.02.2011. <http://www.dialog-internet.de/forum/blogPost/showBlogContent/111.page>
  • Jeff Howe: The Rise of Crowdsourcing. In: Wired. Issue 14.06 – June 2006. <http://www.wired.com/wired/archive/14.06/crowds.html>
  • Greenpeace: Green Action. <http://www.greenaction.de/>
  • Netz-gegen-Nazis.de <http://www.netz-gegen-nazis.de/>
  • Deutschland Land der Ideen: Preisträger 2011: Glovico – Die Online-Fairtrade-Sprachschule. <http://www.land-der-ideen.de/de/node/3443>
  • Christian Möller: Wikipedia: On Watch. In: infsocgblog.org. 10.01.2011. <http://www.infsocblog.org/2011/01/wikipedia-on-watch/>
  • Wiki Watch <www.wiki-watch.de>
  • Juuport. <http://www.juuuport.de/>
  • SCHAU HIN! <http://schau-hin.info/>
  • Klicksafe. <https://www.klicksafe.de/>
  • Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein. Scout Magazin. <http://www.ma-hsh.de/aktuelles-publikationen/publikationen/scout-magazin/>

Von Dschungelnervensägen, Stalkern und Topless-Videos auf Facebook

08. März 2011 – Wer sich in jüngster Zeit über die Vorlieben seiner Facebook-Freunde für Oben ohne-Videos, Dschungelcamp-Teilnehmerinnen, die Verhaftung amerikanischer Stars und Sternchen oder Informationen über angebliche Stalker wunderte, hat nun eine Erklärung: den neuen Facebook Like-Button.

Während es sogenannte Clickjacking- bzw. Likejacking-Versuche schon seit längerem gibt, hat offenbar die Veränderung des Facebook Like-Buttons letzte Woche zu einer Sprunghaften Zunahme dieser Art von Spam geführt. Die Kollegen des Naked Security-Blog von Sophos berichten von einer regelrechten Schwemme an Berichten über Facebook-Scams, die sie jeden Tag erreicht.

Der Like-Button und die Pinnwand

Der Like-Button und die Pinnwand

Die Ursache für die Zunahme vermuten viele im Wechsel vom Share-Button zum Like-Button. Während sich in der Vergangenheit mit einem Klick auf den Share-Button ein Popup-Fenster öffnete, in denen man die Informationen, die man teilen wollte noch einmal bearbeiten konnte, posted ein Klick auf den Like-Button nunmehr automatisch ein komplettes Status-Update auf die eigene Wall.

Statt eines offensichtlichen Like-Buttons verstecken die Scammer die Funktion nun beispielsweise hinter täuschend echt anmutenden Online-Videos oder anderen auf den ersten Blick unverdächtig anmutenden Schaltflächen.

Ein Klick auf das vermeintliche Video veröffentlicht nun im selben Augenblick ein Statusupdate auf der eigenen Pinnwand – und lässt den gutgläubigen Videonutzer je nach Inhalt des Videos vor seinen Facebook-Freunden mehr oder weniger gut aussehen.

Facebook Likejacking Scam mit angeblichem Video

Während das Interesse an der Verhaftung eines Hollywood-Sternchens noch als unverdächtig durchgehen mag, mag die Lust auf ein Oben ohne-Video einer Dschungelcamp-Teilnehmerin unter Umständen zur ein oder anderen hämischen Nachfrage führen.

Dies an sich mag noch nicht bedrohlich anmuten, doch in vielen Fällen versuchen noch dazu betrügerische Applikationen die Erlaubnis zum Zugriff auf das eigene Profil zu erlangen. Bedenkt man, dass man hierdurch einer – gelinde gesagt – etwas undurchsichtigen Anwendung Zugriff auf seine persönliche Daten erlaubt, stellt sich die Situation etwas anders dar.

Ziel dieses Clickjacking ist es unter anderem, sich mit diesen Facebook-Applikationen die Erlaubnis zu erschleichen, auf die Wall des betroffenen Nutzers sowie eventuell die Pinnwände von befreundeten Profilen zu posten.

Jüngere Applikationen nutzen beispielsweise die Informationen des jeweiligen Facebook-Accounts, um mit einer persönlichen Ansprache den Nutzer zur Teilnahme einer Online-Umfrage zu bewegen, für die der Scammer eine Erfolgsprämie bekommt, wie Sophos berichtet.

Die betreffenden Posts zu löschen, ist nun alleine noch nicht die Lösung. Auch die Anwendung an sich muss wieder entfernt werden. In einem Video-Tutorial schildert Sophos, wie dies funktioniert.

08. März 2011 – Wer sich in jüngster Zeit über die Vorlieben seiner Facebook-Freunde für Oben ohne-Videos, Dschungelcamp-Teilnehmerinnen, die Verhaftung amerikanischer Stars und Sternchen oder Informationen über angebliche Stalker wunderte, hat nun eine Erklärung: den neuen Facebook Like-Button.

Während es sogenannte Clickjacking- bzw. Likejacking-Versuche schon seit längerem gibt, hat offenbar die Veränderung des Facebook Like-Buttons letzte Woche zu einer Sprunghaften Zunahme dieser Art von Spam geführt. Die Kollegen des Naked Security-Blog von Sophos berichten von einer regelrechten Schwemme an Berichten über Facebook-Scams, die sie jeden Tag erreicht.

Der Like-Button und die Pinnwand

Der Like-Button und die Pinnwand

Die Ursache für die Zunahme vermuten viele im Wechsel vom Share-Button zum Like-Button. Während sich in der Vergangenheit mit einem Klick auf den Share-Button ein Popup-Fenster öffnete, in denen man die Informationen, die man teilen wollte noch einmal bearbeiten konnte, posted ein Klick auf den Like-Button nunmehr automatisch ein komplettes Status-Update auf die eigene Wall.

Statt eines offensichtlichen Like-Buttons verstecken die Scammer die Funktion nun beispielsweise hinter täuschend echt anmutenden Online-Videos oder anderen auf den ersten Blick unverdächtig anmutenden Schaltflächen.

Ein Klick auf das vermeintliche Video veröffentlicht nun im selben Augenblick ein Statusupdate auf der eigenen Pinnwand – und lässt den gutgläubigen Videonutzer je nach Inhalt des Videos vor seinen Facebook-Freunden mehr oder weniger gut aussehen.

Facebook Likejacking Scam mit angeblichem Video

Facebook Likejacking Scam mit angeblichem Video

Während das Interesse an der Verhaftung eines Hollywood-Sternchens noch als unverdächtig durchgehen mag, mag die Lust auf ein Oben ohne-Video einer Dschungelcamp-Teilnehmerin unter Umständen zur ein oder anderen hämischen Nachfrage führen.

Dies an sich mag noch nicht bedrohlich anmuten, doch in vielen Fällen versuchen noch dazu betrügerische Applikationen die Erlaubnis zum Zugriff auf das eigene Profil zu erlangen. Bedenkt man, dass man hierdurch einer – gelinde gesagt – etwas undurchsichtigen Anwendung Zugriff auf seine persönliche Daten erlaubt, stellt sich die Situation etwas anders dar.

Ziel dieses Clickjacking ist es unter anderem, sich mit diesen Facebook-Applikationen die Erlaubnis zu erschleichen, auf die Wall des betroffenen Nutzers sowie eventuell die Pinnwände von befreundeten Profilen zu posten.

Jüngere Applikationen nutzen beispielsweise die Informationen des jeweiligen Facebook-Accounts, um mit einer persönlichen Ansprache den Nutzer zur Teilnahme einer Online-Umfrage zu bewegen, für die der Scammer eine Erfolgsprämie bekommt, wie Sophos berichtet.

Die betreffenden Posts zu löschen, ist nun alleine noch nicht die Lösung. Auch die Anwendung an sich muss wieder entfernt werden. In einem Video-Tutorial schildert Sophos, wie dies funktioniert.

New York Times: Facebook, die Meinungsfreiheit und der Anstand

Die Facebook-Profile von Unterstützern der DDoS-Angriffe auf PayPal und MasterCard löschen, die Seite von Wikileaks selbst aber unangetastet lassen? Die New York Times (NYT) vom Sonntag hat sich mit Facebooks Ringen um Meinungsfreiheit und Anstand befasst.

Internet Police

Internet Police

In dem Artikel “Facebook Wrestles With Free Speech and Civility” beschreibt die NYT die Gratwanderung des “Hate and Harassment Teams” von Facebook zwischen Meinungsfreiheit und der Durchsetzung von Facebooks Nutzungsbedingungen, die unter anderem Inhalte verbieten, die „verabscheuungswürdig, bedrohlich oder pornografisch sind, zu Gewalt auffordern oder Nacktheit sowie Gewalt enthalten“ oder „die alkoholspezifische oder andere für Minderjährige ungeeignete Inhalte enthalten“.

Mit seinen mehr als 500 Millionen Nutzern habe Facebook mehr Einfluss auf die Ausgestaltung der Meinungsfreiheit im Internet als es der Oberste Gerichtshof hätte, wird Jeffrey Rosen, Professor an der George Washington University, zitiert. Und es werde zunehmend unmöglich für Facebook, allen gerecht zu werden.

Die prinzipielle Entscheidung, beispielsweise Holocaust-Leugnung oder Islam-Kritik nicht zu entfernen, habe zu harscher Kritik von verschiedenen Interessengruppen geführt und sogar zur vorübergehenden Sperrung von Facebook in verschiedenen Ländern.

In einem Fall von homophoben Kommentaren und Nachrichten habe das Sicherheits-Team das Graph-Protokoll benutzt, um ganze Netzwerke von „Trollen“ zu identifizieren und abzuschalten. In anderen Fällen werden einzelne Nachrichten gelöscht, wobei es online genau wie offline eine einhundertprozentige Kontrolle nicht geben könne, so Facebook.

Besonders heikel werde es allerdings erst in den erwähnten umstrittenen Fällen, die von manchen als politische Diskussion, von anderen jedoch als illegale Inhalte gesehen werden – etwa im Falle von Seiten zum „Everybody Draw Muhammad Day“. Hier habe sich Facebook sich entschlossen, nicht einzugreifen, da die Seite selbst die Grenzen des Anstands nicht überschritten hätte.

Auch im Fall von Holocaust-Leugnung habe Facebook sich entschlossen, im Allgemeinen nicht dagegen vorzugehen – eine Entscheidung, die unter anderem vom Simon Wiesenthal Center kritisiert wird. Dennoch habe Facebook bessere Verfahrensweisen im Umgang mit diesen Inhalten entwickelt als viele andere Webseiten, so Rabbi Abraham Cooper vom Wiesenthal Center.

Der vollständige New York Times Artikel “Facebook Wrestles With Free Speech and Civility” vom 12.12.2010 ist erhältlich unter http://www.nytimes.com/2010/12/13/technology/13facebook.html.Die Facebook-Profile von Unterstützern der DDoS-Angriffe auf PayPal und MasterCard löschen, die Seite von Wikileaks selbst aber unangetastet lassen? Die New York Times (NYT) vom Sonntag hat sich mit Facebooks Ringen um Meinungsfreiheit und Anstand befasst.

Internet Police

Internet Police

In dem Artikel “Facebook Wrestles With Free Speech and Civility” beschreibt die NYT die Gratwanderung des “Hate and Harassment Teams” von Facebook zwischen Meinungsfreiheit und der Durchsetzung von Facebooks Nutzungsbedingungen, die unter anderem Inhalte verbieten, die „verabscheuungswürdig, bedrohlich oder pornografisch sind, zu Gewalt auffordern oder Nacktheit sowie Gewalt enthalten“ oder „die alkoholspezifische oder andere für Minderjährige ungeeignete Inhalte enthalten“.

Mit seinen mehr als 500 Millionen Nutzern habe Facebook mehr Einfluss auf die Ausgestaltung der Meinungsfreiheit im Internet als es der Oberste Gerichtshof hätte, wird Jeffrey Rosen, Professor an der George Washington University, zitiert. Und es werde zunehmend unmöglich für Facebook, allen gerecht zu werden.

Die prinzipielle Entscheidung, beispielsweise Holocaust-Leugnung oder Islam-Kritik nicht zu entfernen, habe zu harscher Kritik von verschiedenen Interessengruppen geführt und sogar zur vorübergehenden Sperrung von Facebook in verschiedenen Ländern.

In einem Fall von homophoben Kommentaren und Nachrichten habe das Sicherheits-Team das Graph-Protokoll benutzt, um ganze Netzwerke von „Trollen“ zu identifizieren und abzuschalten. In anderen Fällen werden einzelne Nachrichten gelöscht, wobei es online genau wie offline eine einhundertprozentige Kontrolle nicht geben könne, so Facebook.

Besonders heikel werde es allerdings erst in den erwähnten umstrittenen Fällen, die von manchen als politische Diskussion, von anderen jedoch als illegale Inhalte gesehen werden – etwa im Falle von Seiten zum „Everybody Draw Muhammad Day“. Hier habe sich Facebook sich entschlossen, nicht einzugreifen, da die Seite selbst die Grenzen des Anstands nicht überschritten hätte.

Auch im Fall von Holocaust-Leugnung habe Facebook sich entschlossen, im Allgemeinen nicht dagegen vorzugehen – eine Entscheidung, die unter anderem vom Simon Wiesenthal Center kritisiert wird. Dennoch habe Facebook bessere Verfahrensweisen im Umgang mit diesen Inhalten entwickelt als viele andere Webseiten, so Rabbi Abraham Cooper vom Wiesenthal Center.

Der vollständige New York Times Artikel “Facebook Wrestles With Free Speech and Civility” vom 12.12.2010 ist erhältlich unter http://www.nytimes.com/2010/12/13/technology/13facebook.html.